Ayurveda gilt als zeitloses Wissen. Und doch stellt sich immer wieder die Frage: Wie können wir diese jahrtausendealte Heilkunst so anwenden, dass sie Menschen in der heutigen Zeit wirklich erreicht?
Denn unsere Zeit ist geprägt von tiefgreifenden Veränderungen: Gemeinschaftsformen lösen sich auf, familiäre Netze werden kleiner, Rituale verschwinden aus dem Alltag, viele Menschen erleben sich stärker auf sich allein gestellt. Einsamkeit ist längst kein Randthema mehr. Eine aktuelle Auswertung der familiendemografischen Studie FReDA des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigt: Im Winter 2024/2025 fühlte sich rund ein Drittel der befragten Erwachsenen zwischen 21 und 54 Jahren zumindest teilweise einsam. 16 Prozent waren stark und 18 Prozent moderat betroffen. Unter den 21- bis 30-Jährigen lag der Anteil stark einsamer Menschen sogar bei rund 21 Prozent.
Für Sascha Kriese liegt genau hier ein zentraler Ansatzpunkt für Ayurveda im 21. Jahrhundert. Ayurveda müsse den Menschen dort wahrnehmen, wo er heute lebt: in einer komplexen Welt, geprägt von Individualisierung, Entfremdung, kulturellen Brüchen und dem Verlust tragender Gemeinschaft. „Wenn wir wirklich ganzheitlich arbeiten wollen, müssen wir unsere Klienten im Hier und Jetzt abholen.“, sagt Sascha. „Wenn ich die Realität des Lebens in dieser Zeit nicht in meine diagnostische Beobachtung und therapeutische Begleitung einbeziehe, bleibt ein wesentlicher Teil des Menschen unbeachtet.“
Ayurveda braucht ein Verständnis für unsere Zeit
Für Sascha bedeutet das nicht, dass die klassischen Ayurveda-Schriften an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil: Sie bleiben eine wichtige Grundlage. Doch die Lebensrealität der Menschen hat sich stark verändert. Was heute in der therapeutischen Praxis sichtbar wird, ist nicht nur eine Frage von Vata, Pitta, Kapha oder Ama. Es geht auch darum zu verstehen, in welchem sozialen, kulturellen und psycho-emotionalen Umfeld ein Mensch lebt.
„Wenn ich lediglich auf der körperlichen bzw. symptomatischen Ebene arbeite, behandle ich letztlich auch nur den Körper“, sagt Sascha. „Dann helfe ich nicht wirklich ganzheitlich – selbst wenn ich ayurvedische Konzepte anwende.“
Der Verlust des Dorfes
Eine der größten Herausforderungen unserer Zeit sieht Sascha im Verlust von Gemeinschaft. Er spricht vom „Village“, vom Dorf als archetypischer Struktur, die Menschen über viele Generationen getragen hat. „Als Menschen erwarten wir, dass es ein Dorf gibt“, erklärt er. „Wenn diese Struktur fehlt, fallen wir in ein kulturelles Loch.“ Mit Dorf meint er nicht nur einen Ort oder eine Gruppe von Menschen. Er meint ein Netz aus Verbindung, Zugehörigkeit, Ritualen, gemeinsamen Mahlzeiten, generationenübergreifender Weisheit, Naturverbundenheit und gemeinsamem Erleben.
In alten Kulturen war der Mensch nicht allein für alles verantwortlich. Kinder wuchsen nicht nur mit Mutter und Vater auf, sondern eingebunden in größere Familien- und Gemeinschaftsstrukturen. Trauer, Übergänge, Feste, Geburt, Tod und Heilung hatten einen Platz im sozialen Gefüge.
Heute hingegen wird die Verantwortung für Familie, Kindererziehung, Beruf, Heilung, Selbstverwirklichung und emotionale Stabilität häufig auf zu wenige Schultern gelegt.
Wenn Symptome mehr erzählen als der Körper
Gerade in der therapeutischen Arbeit wird dieser Verlust für Sascha sichtbar. Symptome seien für ihn nicht nur Anzeichen körperlicher Störungen, sondern Hinweise auf tiefere Problematik. „Die Symptomatik kann den Beschreibungen in den ayurvedischen Schriften ähneln“, sagt er. „Aber entscheidend ist nicht das Symptom, sondern das, was darunterliegt und es auslöst.“
Sascha spricht in diesem Zusammenhang auch von Entwicklungstraumata. Nicht immer müsse dafür ein einzelnes dramatisches Ereignis vorliegen. Auch der langfristige Verlust tragender Strukturen könne eine tiefe, traumatisierende Wirkung haben.
Heilung ist auch eine gesellschaftliche Frage
Natürlich kann ein Mensch seine Ernährung umstellen, Yoga praktizieren, ayurvedische Kräuter einnehmen oder sich mit der eigenen Biografie beschäftigen. All das ist wertvoll. Doch Sascha weist darauf hin, dass Heilung auch eine kollektive Ebene braucht. „Wir brauchen nicht nur persönliche Heilung“, sagt er. „Wir brauchen auch Heilung in unserer Gesellschaft. Individuelle und kommunale Heilung sind Teile eines Prozesses.“
Gemeinschaft, Rituale, Kreise, gemeinsames Essen, Trauern, Singen, Tanzen, Natur und bewusste Begegnung beschreibt er als Formen von „Primary Satisfactions“, womit ursprüngliche, menschliche Erfahrungen von Verbundenheit und Erfüllung gemeint sind.
Was brauchen Ayurveda-TherapeutInnen heute?
Verständnis und therapeutische Präsenz
Zunächst braucht es Verständnis, erklärt Sascha. Verständnis für die Zeit, in der wir leben. Verständnis für Trauma. Verständnis für den Unterschied zwischen Schocktrauma und Entwicklungstrauma. Und Verständnis dafür, dass TherapeutInnen selbst nicht außerhalb dieser Themen stehen.
„Die innere Arbeit an sich selbst ist entscheidend für TherapeutInnen“, sagt Sascha, denn sie sind ein lebendiger, interagierender und co-kreierender Teil des Heilungsprozesses von Klienten. Therapeutische Begleitung ist kein einseitiger Vorgang, in dem eine Person das Wissen bzw. Handwerkzeug einbringt und die andere geheilt wird. Vielmehr entsteht im therapeutischen Raum eine Begegnung, die beide Seiten berührt. Therapeutische Präsenz bedeutet, bei sich selbst zu bleiben, um wirklich beim anderen sein zu können. Dazu gehört auch der bewusste Zugang zur eigenen Verwundbarkeit. „Wenn ich mit mir selbst nicht in Verbindung bin, wie soll ich dann einem anderen Menschen in Verbindung begegnen?“, fragt Sascha.
Gleichzeitig betont er, dass eigene Wunden nicht unbewusst in den therapeutischen Raum hineingetragen werden dürfen. Eine innere Verwundung könne erst dann zu therapeutischem Handwerkszeug werden, wenn sie anerkannt, verarbeitet und integriert ist.
Begleiten statt reparieren
Ein besonders wichtiger Unterschied ist für Sascha der zwischen Intervention und Begleitung. Natürlich gebe es Situationen, in denen therapeutische Interventionen sinnvoll und notwendig seien. Ayurveda verfügt über viele wertvolle Werkzeuge, um Menschen zu unterstützen. Doch gerade bei tiefen seelischen oder existenziellen Prozessen gehe es nicht darum, schnell etwas zu „reparieren“. „Oft geht es weniger darum, etwas sofort zu lösen“, sagt Sascha. „Es geht darum, präsent zu bleiben und einen Menschen durch das zu begleiten, was gerade da ist und nach Aufmerksamkeit ruft.“
Diese Form der Präsenz braucht Zeit, Reife und innere Stabilität. Sascha nennt es den „Elder Approach“: die Herangehensweise eines Älteren oder Ahnen, die nicht vorschnell eingreift, sondern hält, begleitet, mitgeht und anderen hilft zu erkennen und zu integrieren.
Gemeinschaft, Sadhana und Ritualräume
Wenn der Verlust von Verbindung eine zentrale Ursache heutiger Belastungen sein kann, dann ist ihre Wiederherstellung auch therapeutisch bedeutsam. Dabei geht es nicht darum, das alte Dorf eins zu eins zurückzuholen. Aber Menschen können neue Formen von Verbindung schaffen oder alte Formen wiederentdecken: Kreise, Gemeinschaften, bewusste Naturerfahrungen, Rituale, Sadhana, gemeinsame Mahlzeiten, Räume für Trauer, Stille, Musik und Begegnung.
Als ein Beispiel nennt Sascha das Internationale Ayurveda Symposium in Birstein. Für ihn ist es nicht nur eine Konferenz mit Vorträgen und Workshops, sondern auch ein wiederkehrender Begegnungs- und Ritualraum. Das traditionelle Homa am Sonntagmorgen, das bewegende Live-Konzert, das gemeinsame Essen, die berührenden Gespräche und die persönliche Atmosphäre geben dem Symposium eine intime, offenherzige und verbindende Dimension, die weit über das rein Fachliche hinausgeht.
Ayurveda als lebendige Antwort
Das Gespräch mit Sascha Kriese macht deutlich: Ayurveda im 21. Jahrhundert bedeutet nicht, alte Weisheit hinter sich zu lassen. Es bedeutet, sie lebendig anzuwenden. Dabei kann Ayurveda kann weit mehr sein als ein medizinisches System. Es kann ein Weg sein, den Menschen wieder in Beziehung zu bringen: zu seinem Körper, zu seiner Seele, zur Natur, zur Gemeinschaft und zum größeren Ganzen.